Bösendorfer
- (de)
Die Wiener Klavierfabrik Bösendorfer gehört zu den bedeutendsten
Klavierherstellern. Flügel von Bösendorfer haben im 19. und 20.
Jahrhundert die Entwicklung der Klaviermusik maßgeblich begleitet.
Geschichte
Die Firma wurde am 25. Juli 1828 von Ignaz Bösendorfer in Wien gegründet,
der als Lehrling bei Joseph Brodmann gelernt und dessen Werkstatt übernommen
hatte. Innerhalb kürzester Zeit erwirbt er sich durch seine sauber
verarbeiteten und klangschönen Instrumente einen hervorragenden Ruf und
erhält 1839 als erster Klaviermacher überhaupt vom Kaiser den Titel
eines k. u. k. Hof- und Kammerklavierverfertiger.
Als er 1859 stirbt, übernimmt sein erst 24-jähriger Sohn Ludwig Bösendorfer
die Firma. Mit viel Geschick führt er die Firma weiter und die
Instrumente werden bald in alle Welt exportiert. Franz Liszt, der
Ausnahmepianist, dessen Klaviersspiel bislang noch fast jedes Klavier
ruiniert hat, spielt vorwiegend auf Bösendorfer, da diese Instrumente
seinem Spiel standhalten.

1870 bezieht die Firma das Fabriksgebäude in der Graf-Starhemberg-Gasse,
wo noch heute die Endfertigung der Klaviere vorgenommen wird. Zwei Jahre
später findet das erste Konzert in der ehemaligen Reitschule des Palais
Liechtenstein in der Herrengasse statt, dem so genannten Bösendorfer-Saal
mit seiner legendären Akustik.
Aufsehen erregte 1900 der Imperial-Flügel mit 8 Oktaven Tonumfang (vom
Subkontra-C bis zum c5), der auf Anregung von Ferruccio Busoni gebaut
wurde. Mit seinen 290 cm war der „Imperial“ bis zum Erscheinen des
Modells „308“ der Firma Fazioli der längste in Serie hergestellte Flügel
und ist bis heute das einzige Klavier mit 97 Tasten.

In diese Zeit fällt die Hochblüte des Klavierbaus, an der Bösendorfer
wesentlichen Anteil hat. Die Instrumente sind technisch ausgereift, nur
bestes Material findet Verwendung und in der Produktion ist der Faktor
Zeit noch nicht der Entscheidende.
Ludwig Bösendorfer, der kinderlos bleibt, verkauft 1909 die Firma seinem
Freund Carl Hutterstrasser. 1913 fällt trotz zahlreicher Proteste der Bösendorfer-Saal
der Bauspekulation zum Opfer. Am Ende des Abschiedskonzertes verlässt das
Publikum schweigend den akustisch besten Saal Wiens. Das Gebäude wird
abgerissen und wie zum Hohn bleibt der Platz im Zentrum von Wien für
viele Jahre unverbaut.

Der Erste Weltkrieg bringt für die Firma einen schweren Rückschlag, 1919
stirbt Ludwig Bösendorfer. Die Produktion läuft nur schleppend wieder
an. 1931 treten die Söhne Carl Hutterstrassers, Alexander und Wolfgang,
in die Firma ein, die zur OHG (Offene Handelsgesellschaft) wird.
Der Zweite Weltkrieg bringt den nächsten großen Rückschlag, 1944
verbrennt nach einem Bombenangriff das Holzlager. Als nach dem Krieg die
ersten Facharbeiter aus der Kriegsgefangenschaft zurückkommen, beginnt
der mühevolle Wiederanfang. Langsam kann die Produktion wieder begonnen
und gesteigert werden.
1966 wird Bösendorfer zur AG (Aktiengesellschaft) und wird zu 100% von
der US-amerikanischen Firma Kimball-International in Jaspers, Indiana übernommen.
Diese Firma beschäftigt sich mit Holzverarbeitung im weitesten Sinn und
baut auch Klaviere. Auf Dauer tut das Engagement von Kimball Bösendorfer
nicht gut, zwar kann die Produktion gesteigert werden und viele
Instrumente in alle Welt exportiert werden, aber gravierende
Managementfehler - zu viel Mitsprache der Marketingabteilung und der
Betriebswirtschafter, zu wenig Mitsprache der Klaviermacher - führen in
den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einem deutlichen Qualitätsverlust
bei gleichzeitig exorbitant steigenden Preisen für die Instrumente.
Im Jahre 1973 wird die Fertigung zum Großteil in die neue Fabrik in
Wiener Neustadt verlegt, 1983 wir für Konzerte ein neuer Bösendorfer-Saal
im Fabriksgebäude in der Graf-Starhemberg-Gasse eingeweiht.
2002 gerät Bösendorfer wieder in Österreichische Hand, die Firma wird
von der Bawag-Unternehmensgruppe übernommen. Nach den Turbulenzen der
Bawag und deren Übernahme durch den US-Fonds Cerberus steht Bösendorfer
wieder zum Verkauf an.
In den letzten zehn Jahren konnte die Qualität von Bösendorfer-Klavieren
wieder stark gesteigert werden und es wäre zu hoffen, dass Bösendorfer
einen Eigentümer bekommt, der nicht nur am Namen, sondern an der Fortführung
der typisch wienerischen Klangkultur interessiert ist.
Bislang hat Bösendorfer seit seinem Bestehen etwas weniger als 50.000
Instrumente gebaut, weniger als ein Zehntel der Anzahl von Hauptkonkurrent
Steinway.
Modelle
Zur Zeit werden Flügelmodelle in folgenden Längen gebaut: 170, 185, 200,
214, 225 (Tonumfang Subkontra F - c5), 280 und 290 cm (Tonumfang Subkontra
C - c5).
Weiters ist ein Pianinomodell mit einer Höhe von 130 cm im Angebot.
Besonderheiten
Im Gegensatz zu anderen Herstellern bezieht Bösendorfer auch das Gehäuse
in die Klangerzeugung ein, auch das Gehäuse besteht aus Klangholz. Der
typische Bösendorferklang ist „gesanglich“, mit grundtonstarken Bässen.
Ein guter Bösendorfer ist klanglich zu vielen Nuancen fähig und bietet
sich besonders zu Kammermusik und Liedbegleitung an, sowohl im Bereiche
Klassik als auch Jazz.
Bis zum Ersten Weltkrieg baute Bösendorfer auch Flügel mit
Prellzungenmechanik (Wiener Mechanik), Ende des 19. Jahrhunderts auch mit
verschiedenen Spielarten der Stoßzungenmechanik (Englische Mechanik).
Der Computerflügel SE290
1985 wurde ein Prototyp eines Computerflügels vorgestellt. Dieses
Instrument wurde von dem amerikanischen Ingenieur Wayne Stahnke in
Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology und dem
damaligen Eigentümer von Bösendorfer, der Kimball International, Inc.,
entwickelt. Es wurde in Lizenz von Stahnke seit 1986 als Bösendorfer
SE290 angeboten. Das SE in der Typenbezeichnung steht für Stahnke
Electronics, die 290 für die Länge des Flügels. Insgesamt wurden 33
dieser Instrumente hergestellt. Das Instrument ist mit Infrarot-Sensoren
ausgestattet, die die Hammerendgeschwindigkeit der 97 Töne, den Zeitpunkt
des Anschlags und des Loslassens einer Taste, sowie die Stellung der
Pedale exakt aufnehmen.
Die dabei ermittelten Daten des Klavierspiels werden an ein externes Gerät,
die so genannte Blackbox, übermittelt. Diese Blackbox ist mit einem PC
verbunden, die Daten lassen sich dort mit einem speziellen Editor
bearbeiten. Die auf dem PC gespeicherten bzw. editierten Daten lassen sich
auf dem Flügel über eine durch Magnetspulen gesteuerte Mechanik auch
wiedergeben. Die Blackbox enthält zusätzlich eine MIDI-Schnittstelle.
Das Instrument wird einerseits als Kompositionswerkzeug benutzt,
andererseits als Reproduktionsklavier eingesetzt. Beispielsweise kann ein
Pianist mit sich selber 4-händig spielen: Er spielt zuerst den einen Part
ein, lässt ihn anschließend durch den Computer abspielen und spielt den
zweiten Part dazu. Auch ist es möglich, dass ein Pianist irgendwo auf der
Welt auf dem Computerflügel ein Konzert gibt und die Daten auf einen
anderen Computerflügel an einem anderen Ort übertragen werden, wo dieser
Flügel dann alleine spielt.
Mittlerweile wurde das System unter Mitarbeit der Technischen Universität
Wien erheblich weiterentwickelt und ist unter der Bezeichnung „CEUS“ für
alle Flügelmodelle, auch zum nachträglichen Einbau, erhältlich. Es ist
zurzeit das aufwendigste und beste System seiner Art.
Der typische Bösendorfer-Klang steht mittlerweile von verschiedenen
Unternehmen auch als Sample (in digitalisierter Form) für die
elektronische Musikproduktion zur Verfügung.